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Old, but Gold! Die Roland Fantom-S Workstation

Mr.Tyros

Extremer Schreiberling
Bei Ebay Kleinanzeigen findet man mittlerweile recht häufig die alten Fantom-Workstations von Roland. Damit meine ich nicht die neue Kiste, die auch "Fantom" heißt, sondern die, mit denen Roland gegen den MOTIF oder Triton ins Rennen gezogen ist.
Gerade die Fantom X und G- Workstations finden heute auf vielen Bühnen nach wie vor ihren festen Platz, sind insbesondere die Synth-Sounds so viel besser für EDM geeignet, als die der Mittbewerber. So überrascht es nicht, dass z.B. Scooter viele seiner Sounds aus der Fantom X8 holt...

Den Vorgänger der beiden Generationen X und G stellt die S-Serie dar, und die gucken wir uns nach fast 20 Jahren auf dem Markt mal an, unter anderem auch, um zu zeigen, wieso ich diese "alte" Kiste immer noch sehr empfehle.

Den Fantom-S gibt´s in 2 Versionen. Die S-61 ist die kleine Workstation mit 61 Tasten, anschlagsdynamisch und mit Aftertouch, die S-88 verfügt über eine gewichtete (aber linear gewichtet) Tastatur sowie dem Piano-Mode, dazu später mehr.
Die ungewichtete Tastatur des S-61 lässt sich super spielen, sie wackelt nicht, hat einen geringen, aber definierten Widerstand und lässt so keine Wünsche offen.
Die des S-88 bietet einen guten Druckpunkt und Widerstand und dürfte denen, die mit Hammermechanik besser spielen können, gefallen!

Beide Geräte haben eins gemeinsam:
Sie sind verdammt solide verarbeitet und bestehen aus silber gebürstetem Metall, daher kommt auch die kleine S-61-Workstation auf solide 12 Kilo, bei der S-88 summiert es sich auf knapp 30!

Anschlusstechnisch können beide Geräte eine Menge vorweisen, neben einem Kopfhörerausgang sowie 4 analogen Outputs, die entweder als Output A und Output B, oder individuell geroutet werden können, finden wir 2 digitale Ausgänge (Coax und Optisch), 2 Inputs sowie ein MIDI-Trio.
Dazu noch einen Anschluss für Schweller und Pedal, beide frei zuweisbar.
Zur Kommunikation nach draußen wäre noch ein SM-Card-Slot sowie eine USB-Buchse zu vermelden.

Zudem können bis zu 4 so genannte SRX-Boards als Expansion verbaut werden. Diese erweitern das Instrument entweder um neue Sounds (orchestrale Klänge, Pianos etc.) oder vergrößern den Sample-Speicher auf bis zu 288MB, denn intern sind nur 32MB verbaut.

Zum Thema Sampling:
Der Fantom-S unterstützt erstmals das so genannte "Skip Back-Sampling"
Dies bedeutet, dass gespielte Noten innerhalb einer definierbaren Zeit rückwirkend in den Sampler geladen werden können. Steht diese Zeit z.B. auf 5 sec., so werden die letzten 5 gespielten Sekunden auf Knopfdruck gesamplet. Sehr nützlich, um z.B. eine schnelle Idee rückwirkend festzuhalten!
Außerdem können als .aiff oder .wav erstellte Samples vom PC wahlweise via USB oder Card in den Fantom-S geladen werden, sodass man seine fertigen Sounds immer mitnehmen kann!

Die Bedienoberfläche lässt sich in 2 Seiten unterteilen.

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Ganz links finden wir den sogenannten D-Beam-Controller. Dies ist eine Lichtschranke, welche Parameter steuern kann. So lassen sich beispielsweise CC-Events wie Bending oder Modulation durch führen der Hand innerhalb des Strahls kontrollieren. Zudem ist es möglich, eines der 16 Pads, wo wir später zu kommen, zu triggern oder aber wir steuern einen Solo-Synthesizer, dessen Tonhöhe mit der Handfläche verändert werden kann, sehr lustiges Feature für Soli!

Direkt daneben die Steuerung für den externen Audioeingang, dieser kann sowohl im Level angepasst, als auch mittels eines Buttons editiert werden.
Unterhalb davon der Regler für die Hauptlautstärke sowie die Steuerung für V-Link. V-Link-fähige Geräte lassen sich also mit dem Fantom-S ansteuern.

Als nächstes erwarten uns 4 Drehregler, die wahlweise Filter und Envelope steuern, den Arpeggiator editieren oder frei zugewiesen werden können.
2 Taster, ebenfalls frei zuweisbar sowie die Oktav-Einstellung und RPS-Scharfschaltung finden wir direkt unterhalb.

RPS ist die Möglichkeit, eine im Sequenzer erstellte Phrase auf eines der Pads oder gar auf die Tastatur zu verteilen! Ein sehr mächtiges Tool, nicht nur für den Live-Betrieb!

Der Arpeggiator wird über seine eigenen Buttons gesteuert, hier lässt er sich ein und ausschalten, in den HOLD setzen, editieren oder mittels ChordMemory eine Art Hamonizer aktivieren.
ChordMemory erweitert die gespielte Taste um voreingestellte Akkorde, so lassen sich beispielsweise mit einer Taste ganze Septimen spielen.

Zu guter Letzt die Steuerung für den Sequenzer.

Mittig thront das Display, welches in Gelb/blau daher kommt, sowie 8 kontextsensitive Buttons, die Menü-Taste, sowie die Möglichkeit, das Tempo zu ändern.
Hinweis: Ihr findet auf dem Foto von mir erstellte Sounds und externes Material, daher nicht wundern, wenn bei eurer Workstation was anderes steht!
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Rechts geht´s weiter:
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Neben der Daten-Eingabe, der Auswahl der Modi (siehe gleich), der direkte FX-Zugriff, der Seqenzer, die EDIT-Funktion sowie die Write-Taste finden wir 16 anschlagsdynamische Pads.
Diese Pads wirken in verschiedenen Modi.
Einerseits lassen sie sich als Drum-Eingabe verwenden, sie senden aber auch MIDI-Noten und können somit z.B. eine externe Drummachine triggern oder auch einen Sound auf der Tastatur.
Es lassen sich Samples auf den Pads verteilen, Phrasen, die im RPS-Mode abgefeuert werden, lassen sich ebenfalls über die Pads triggern.
Die Pads reagieren auf Velocity (abschaltbar), lassen sich aber auch in den Roll oder Hold-Modus setzen, wobei die Roll-Auflösung eingestellt werden kann.
Zudem finden wir direkt neben den Pads die Steuereinheit für den Sampler.
Hier können wir externe Signale Samplen, auf unsere Samples zugreifen, sie editieren, speichern, laden...

Von Werk aus ist der Fantom-S so eingestellt, dass er User-Samples NICHT automatisch lädt. Dies verkürzt die Boot-Zeit enorm. Bitte beachten, wenn ihr mit Samples arbeiten wollt. Mit aktivierter Funktion braucht das Instrument etwa eine Minute, bis es einsatzbereit ist.

So, genug über Features, jetzt endlich zum Sound!

Der Fantom-S kann wahlweise einzelne Programs, hier "Patch" genannt, oder Performances (aus bis zu 16 Patches) spielen.

Jeder Patch besteht aus bis zu 4 einzelnen Elementen, die entweder mit MONO oder STEREO-Samples gefüllt werden können.
Eine sehr tiefgreifende Editierung erlaubt uns, bestehendes Material an unsere Wünsche anzupassen!

Generell ist der Klang des Fantom-S immer noch vorzeigbar.

Die Pianos (akustische) klingen so, wie man es erwartet, es gibt hier eine kleine, aber feine Auswahl, aus der sich immer etwas brauchbares picken lässt.
Der S-88 hat sogar einen Modus spendiert bekommen, in dem der Spieler das Piano anpassen kann, sprich Saitenresonanzen, Stellung des Deckels, Velocity... Nicht ganz so tiefgreifend wie im KORG Kronos, aber hey, für 2003 war das super!

Bei den E-Pianos finden wir auch wieder allerlei brauchbare Sounds, sei es ein Rhodes, zackiges Wurly oder spitzes Clavi. Ein dem Hohner D6 Clavinet nachempfundener Patch eignet sich auch super für Sevie Wonder´s Superstition!
Auch ein schönes Harpsichord inkl. Key-Off finden wir.

Bei den Orgeln sieht die Sache schon ein bisschen anders aus. Es gibt keine Möglichkeit, die Zugriegel zu editieren, das, was man findet, ist aber durchweg ganz okay. Ein, zwei Patches gefallen mir gut, beim Rest greife ich dann doch auf andere Keyboards zurück.
Pfeifenorgeln bringen da auch keine große Änderung, wobei ein Tutti-Sound wirklich sehr schön klingt, aber das ist nicht die Stärke des Instruments.

Bei den Gitarren haben wir wieder mehr Licht als Schatten, zumindest, was die akustischen und unverzerrten E-Gitarren angeht, die verzerrten sind zwar dank COSM-Amp-Simulation ganz "okay", aber ich nutze den S-61 mit einem Tyros 4 zusammen und da ist klar, wo die harten Gitten raus kommen ;-)
Bässe kann man aber sehr gut verwenden.

Auch bei den Streichern finden wir einige ganz passable Sounds, ansonsten ist auch hier das Alter anzumerken.

Brass und Woodwind hingegen sind richtig gut gealtert, die Solo oder Ensemble-Bläser beispielsweise klingen immer noch sehr schön und lassen sich auch wunderbar zu einer Performance zusammensetzen. Editiert man hier noch die Env-Parameter, sind da richtig tolle Ergebnisse möglich.

Eine der absoluten Stärken der Fantom-Reihe sind aber die Synths. Und hier findet man so viel gutes Zeug, dass man mit der Kiste von 2003 immer noch chart-taugliche EDM-Tracks produzieren kann. Egal, ob fette, analoge Brass-Sounds (wobei der JumpForKY-Patch eine der besten OBX-Nachbauten ist), zackige Leads, zickige Effektsounds, damit kannst heute noch was reißen!
Eine schöne 909-Kick auf das Pad gelegt, dank Roll-Modus ein FOTF-Muster spielen und fertig ist die Dance-Mukke!


Keyboards von Roland sind immer etwas eigen, was die Bedienung angeht. Das gute:
Alle Funktionen lassen sich mittels der 8 Buttons unterhalb des Displays auswählen und dann mittels Wheel und Cursorblock bequem editieren. Auch ist das editieren von Samples und das anschließende Zuweisen eines Pads oder Taste ein Kinderspiel!
Der Sequenzer ist rudimentär, aber in etwa gleichzusetzen mit dem eines MOTIF XS. Ich nutze ihn nicht, aber er ist einfacher zugänglich, als anfangs gedacht.

Überhaupt ist das Keyboard sehr Anwender-freundlich konzipiert, denn den Fantom-S kann man erkunden, ohne das Handbuch wälzen zu müssen.
Einzig und allein nervig ist die Schaltung im Performance-Modus.
Hier geht der Cursor gern mal zurück auf die Auswahl der Performance.
Wenn ich nun einen Sound einfach nur aktivieren möchte, wechsele ich direkt in eine andere Performance. Da muss man schon aufpassen!

Fazit:
Der Fantom-S ist eine sehr gut gealterte, aber immer noch aktuelle Workstation, zumindest im Live-Einsatz. Mit einer guten Soundauswahl, welche durch die Bank weg mehr positives als negatives vorzuweisen hat, eignet sich das Instrument immer noch als Zweitkeyboard im Bandkontext oder auch als Ergänzung für einen Alleinunterhalter. Die Pads, welche auch externe Quellen ansprechen können, lassen sich kreativ einsetzen, z.B. auf eine mit Samples gemappte Voice eines anderen Klangerzeugers routen und dann wie ein DJ on the Fly Einwürfe generieren.
Doch auch für den mobilen Musiker ist alles mit an Board, was wir brauchen, um kreative Ideen festzuhalten. Wenngleich das hohe Gewicht nicht besonders für eine Mitnahme in den Urlaub zu sprechen scheint, so haben wir doch alles dabei, was wir brauchen: Einen vollwertigen Sampler, diverse Outputs, einen kompletten Sequencer und das alles sehr kompakt und robust verpackt!

Den S-61 kann man für unter 500€ bekommen und wer sich für Roland-Keyboards interessiert, der macht beim Fantom-S absolut nichts verkehrt!

+ Solide Bauweise
+ Erweiterbar
+ analoge und digitale Ausgänge
+ durch Expansions sowohl vom Sound als auch vom Speicher her erweiterbar
+ Gut klingende Sounds
+ Synth-Sounds immer noch auf der Höhe der Zeit
+ 16 Pads, anschlagsynamisch und MIDI-Send-fähig
+ vollwertiger Sampler und Sequenzer
+ D-Beam-Controller
+ .wav und .aiff-kompatibel

- Verhältnismäßig schwer
- Manchmal etwas zickige Bedienung im Performance-Modus
 
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