Keyboarderforum by Musiker Lanze

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  1. #21
    Gott Avatar von HaDi
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    So, jetzt müsst Ihr aber ganz tapfer sein, denn gleich wird es ziemlich dissonant. Heute soll es um die 2.Wiener-Schule und die 12-Tontechnik gehen.
    Nach der Romantik war das Auflösen der tradioniellen Harmonik sehr angesagt und nach einer Phase der regellosen Atonalität kam es Hern Schönberg
    in den Sinn (so genau weiß man es nicht, ob noch andere die gleiche Idee verfolgten) ein Regelwerk aufzustellen, dass er zwar selber nicht immer einhielt,
    aber für lange Zeit zumindest die europäische Avantgarde stark beeinflusste, besagte 12-Tontechnik.

    Um nicht wieder dem Hurzfaktor zu erliegen und hochphilosophische Allgemeinplätze wie "Demokratisierung" der Töne hier abzusondern, kurze Beschreibung
    der Grundidee:
    Der Komponist hat sich vor seiner kompositorischen Arbeit eine Reihe aufzustellen, die alle 12 Töne der chromatischen Tonleiter enthält. Erst nach vollständiger
    Abarbeitung aller 12 Töne, darf wieder der erste Ton der Reihe wiederholt werden. Es war also zunächst eine rein horizontale (melodische) Angelegenheit. Wenn
    man sich dann allerdings eine Kompositionen notenmäßig anschaut, konnte man auch Tönen der Reihe vertikal, d.h. als Akkord übereinander bauen. Damit es nicht
    zu eintönig wird, kann man mit der Reihe noch weitere Formen bilden. So kann man die Reihe auch spiegeln (Umkehrung) oder rückwärts (Krebs) spielen und natürlich
    auch die Umkehrung des Krebses benutzen.

    Wer mehr wissen will, kann sich ja wieder einen Wikipediabeitrag anschauen: https://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lftontechnik

    Grundsätzlich sollte man aber noch sagen, dass mit diesem Prinzip nur die Tonhöhe bestimmt wurde. Die Grundidee wurde dann im Bereich der "seriellen" Komposition
    auch auf weitere Parameter ausgebaut (aber das ist dann die nächste Geschichte).

    Wie sowas klingt:

    Noch eins zur 2.Wiener Schule; es zählen neben Schönberg (der später nach Amerika auswanderte und auch der Lehrer von John Cage war) die Herren Alban Berg und
    Anton Webern zu dieser Schule.

    Auch hier ein Verweis auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Schule_(Moderne)

    Eine Buchempfehlung, die einiges abdeckt (aber die neueren Entwicklungen nur sehr kurz wiedergibt) und lesenwert ist, ist das Buch "The Rest is noise".
    https://www.amazon.de/Rest-Noise-Das...+rest+is+noise

  2. #22
    Gott Avatar von HaDi
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    Eins hatte ich noch ganz vergessen. In der Popmusik kenne ich zumindest keinen der mit 12-Tontechnik gearbeitet hat. Im Jazzbereich
    gab es aber die Formation "Aparis" die auch mit 12-Tonreihen experimentierte. Dies ist sicher auch kein Wunder, wenn man weiß, dass
    die beiden Stockhausenbrüder Markus und Simon mitspielten.

    http://www.markusstockhausen.de/trom...ist/203/aparis

  3. #23
    Senior Member Avatar von Progenos
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    Hi HaDi
    So dissonant klingt die Suite von Schönberg für mich eigentlich nicht. Für mein Empfinden etwas sehr hektisch, aber immerhin ist eine Melodie erkennbar, was ich nicht unbedingt erwartet hätte.

    Ich denke, du wirst uns noch auf Kompositionen hinweisen/präsentieren, bei denen weit mehr "Tapferkeit" gefordert sein wird ;-)

    Danke und Gruss
    Andreas
    Geändert von Progenos (09.01.2018 um 13:13 Uhr)

  4. #24
    Gott Avatar von HaDi
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    Zitat Zitat von Progenos Beitrag anzeigen
    Ich denke, du wirst uns noch auf Kompositionen hinweisen/präsentieren, bei denen weit mehr "Tapferkeit" gefordert sein wird ;-)
    Also Ohren auf und die Zähne zusammengebissen .

    Kommen wir zu den Serialisten und der Weiterentwicklung der 12-Tontechnik. Man kann jetzt die Grundidee, also eine Reihe aufzubauen auch auf alle anderen musikalischen
    Parameter ausdehnen. Nur die Klangfarbe läßt sich nicht so leicht in dieses Schema pressen (das macht dann die elektronische Musik wie sie Stockhausen verstand).

    Zur Grundidee wieder ein kurzer Auszug aus Wikipedia:

    "Serielle Musik ist eine Weiterentwicklung der Zwölftontechnik von Arnold Schönberg und wird nach strengen Regeln komponiert. Die Kompositionstechnik basiert auf dem Versuch,
    möglichst alle Eigenschaften der Musik, wie zum Beispiel Tondauer, Tonhöhe und Lautstärke, auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen. Diese Idee einer musique pure
    entspringt dem Wunsch, eine Musik von möglichst großer Klarheit hervorzubringen, frei von Redundanz, Unbestimmtheit und der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks."

    Das hat dann zur Folge das Reihen zur Tonhöhe, -dauer und Lautstärke aufgestellt werden, die dann im Folgenden "verarbeitet" werden. Das kann dann auch zur Folge haben,
    dass Teile herauskommen, die fast unspielbar sind. So gibt es bei einem Stockhausenstück nach einem fff und einem "unhandlichem" Tonkonstrukt (Akkord klingt ja hier nach
    Harmonie ) ein ppp mit einer ebensolchen Tonanhäufung kommt. Ich habe ein Konzert mit Meister Stockhausen in Frankfurt erlebt und einem Pianisten, der in Frack gekleidet aber
    mit Fingerschützern vor Verletzungen ausgerüstet war. Es war angekündigt als Konzert mit "älteren Werken" von Stockhausen. Anscheinend glaubten die meisten Zuhörer, dass
    es sich dabei wohl noch um "harmlose" Werke handeln würde. Zum Schluß saß ich vielleicht noch mit ca. 10 Leutchen im Konzertsaal.

    Zu den Hauptvertretern der seriellen Musik zählen Stockhausen, Nono, Goeyvaerts, Boulez (auch als Dirigent sehr bekannt) und Berio. Lange Zeit beherrschten sie auch die
    Bühne der europäischen Avantgarde und noch heute mühen sich einige mit diesem Regelwerk ab. Gerade bei den Darmstädter Ferientage für Neue Musik regierte diese Truppe
    die gesamte Theorielandschaft über lange Strecken. Es gab auch verbitterte Kämpfe (verbaler Art) mit Gegnern dieses Systems. Allerdings gab es auch Komponisten, die
    dieser Lehre nicht folgten (z.B. Henze, Ligeti etc.) und als Abtrünnige ausgegrenzt wurden.

    So aber jetzt gibt's was auf die Ohren:



    Ich habe extra wieder ein Video mit Notenunterlegung ausgewählt , damit unsere Notenkundigen auch etwas zu tun haben.
    Geändert von HaDi (09.01.2018 um 15:47 Uhr)

  5. #25
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    Zitat Zitat von HaDi Beitrag anzeigen

    Ich habe extra wieder ein Video mit Notenunterlegung ausgewählt , damit unsere Notenkundigen auch etwas zu tun haben.
    Ja, HaDi man dankt sehr, ich bin jetzt dabei und sitze an unserem Klavier. Diese Stücke kann man sehr locker nachspielen. Aber insbesondere die linke Hand fand ich etwas schwieriger in der typgerechten Umsetzung. Ich musste tatsächlich eine Stelle wiederholen, da ich eine Kadenz nicht richtig ausgehalten hatte. Gibt es dafür auch einen Notensatz mit Fingersatz und Akkordsymbolen?

    Nicht zuletzt auch deswegen fand ich die Stücke doch sehr leicht spielbar, weil niemand einen Unterschied zum Original feststellen wird. Apropos "niemand", das kann man wörtlich nehmen. Es fehlte mir direkt zunehmend an freudig erregten Zuhörern. Unser Hund hatte ein größeres Musikverständnis. In sein Körbchen hatte ich ihm zuvor noch einige Leckerli gelegt, sodass seine Entscheidung spontan wegen der Musik zum Bleiben ausfiel. Der weiß was gut ist!

    Ich konnte es nur mit den "Hurz"-Publikum halten, ein Herr sagte, er fände keinen Zugang zu dieser Musik, worauf eine bürgerliche, gebildete Dame ihn tadelte, dass doch die Vortragenden nichts dafür können, wenn sein Musikverständnis so reduziert sein.

    Hans Lieberg spielte zur Begeisterung der Zuhörer Stockhausen und rief dem Publikum zu, singen Sie einfach mit.

    Mir gefällt an den Stücken ganz einfach die Klarheit der musikalischen Aussage in Verbindung der Redundanz und gleichzeitiger Komplexität der freien Tonalität. Wobei ich damit nicht allein bin. Wie ich gerade erfuhr, haben gerade Midifileanbieter diese Stücke in ihr Angebot aufgenommen, eignen sie sich doch in hervorragender Weise als Dinnermusik für AU.

    Heidrun macht sich sicher bereits intensive Gedanken, in welcher Form diese Musik umgesetzt werden kann.

    Wichtig ist dabei auch, dass es kaum Gemaprobleme gibt, da jedes Stück eine eigenen schöpferischen Gehalt bietet, der nicht in einfacher Form eine Reproduzierbarkeit ermöglicht.
    Lanze ist wohl gerade dabei die doch sehr klang- und schwungvollen Melodien zum Mitklatschen für seine Tinpipe umzusetzten. Denn ein wenig erinnert Stockhausen in seiner Melodieführung an die irische Volksmusik.

    Mal eine Frage in die Tyrosrunde, welchen Style kann man am besten einsetzen?
    Gruß Lutz

  6. #26
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    Zitat Zitat von Lutz Beitrag anzeigen
    Mal eine Frage in die Tyrosrunde, welchen Style kann man am besten einsetzen?
    Also diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Warum gibt es auch nicht die 10Tophits der seriellen Musik als Mid-file .

  7. #27
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    HaDi, ein Rätsel, das wir nicht zu lösen vermögen. Hier haben wir es in der Tat mit eingängiger Musik zu tun!
    Gruß Lutz

  8. #28
    Administrator Avatar von Handsome
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    Isch bön jetz mal janz ädel und stelle dieser Musik das Tractatus logico-philosophicus von Wittgenstein gegenüber...allerdings mit mehr als 12 verschiedenen Buchstaben..-spannend wie ein Thriller


    Gesendet von iPad mit Tapatalk Pro

  9. #29
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    Also ich habe mir gerade unseren Lutz vorgestellt, der bei einem Seniorennachmittag folgendes ankündigt: "Und nun ein etwas unbekannteres Stück
    aus den 50igern" und dann eine schmissige 12-Tonkomposition zum besten gibt. Was wären wohl die Reaktionen?

    Zum Beispiel Stockhausens Klavierstück X (das mit den mit Fingerschützern)

    Geändert von HaDi (09.01.2018 um 19:32 Uhr)

  10. #30
    Gott Avatar von HaDi
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    Zitat Zitat von Handsome Beitrag anzeigen
    Isch bön jetz mal janz ädel und stelle dieser Musik das Tractatus logico-philosophicus von Wittgenstein gegenüber...
    Wenn wir schon beim Philosophieren sind, hier ein Stückchen Sloterdijk:

    "Die sogenannte Unterhaltungsmusik, die eigentlich Zerstreuungsmusik oder seditative Musik heißen müsste, kann eines Massenpublikums sicher sein, weil
    sie die Aufgabe wahrnimmt, die Hörer vor dem Risiko des Hörens von Neuem zu schützen. Wer Seditativmusik anstellt, tut dies eben, um sich in überraschungsfreie
    Tonwelten einzustimmen, gleich auf welchem Niveau. Durch ihr Erklingen und Wiedererklingen transportiert die unterhaltende Musik die frohe Botschaft, dass das
    Bekannte das Unbekannte eliminiert hat. In dieser Sicht gibt es nur beunruhigend geringfügige Unterschiede. Beide inszenieren Musik als Medium des ältesten
    Konservatismus, der Harmonie und Wiederholung in immer vorhersagbaren Synthesen verspricht"

    Also auf, nur wohin ?

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